SEHEN – URTEILEN – HANDELN

Pfarrei | #pep

Der Saal des Kettelerhauses war zur Pfarreiversammlung am 29. Oktober mit rund 200 Gemeindemitgliedern außerordentlich gut gefüllt. Der Pfarrei-Entwicklungsprozess hat das Interesse der Menschen im Gelsenkirchener Süden geweckt – inhaltlich wie auch strategisch. Denn auf die katholische Kirche kommen einschneidende Änderungen zu.

(Auszug aus den Lebensbahnen 3/2015)

Neben einer Darstellung der Fakten, die mit dem Prozess verknüpft sind, ergab sich an diesem Abend für die Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch kommen und sich mit den vielen Fragestellungen zu befassen. Welche Dinge aus der Kirche von heute wollen wir mitnehmen in die Zukunft? Welche Dinge wollen wir künftig anders gestalten? Welche Dinge, die wir tun müssten, haben wir zwischenzeitlich aus dem Blick verloren? Wie kann der Geist so wirksam erhalten werden, dass dieser Prozess nach seiner Beurteilungsphase die für die Mehrheit der Gemeindemitglieder richtigen Schritte zur Folge hat?

Als unsere Gemeinden im Jahr 2007 zur neuen Propsteipfarrei St. Augustinus zusammengeschlossen wurden, schienen für die kommenden zwanzig Jahre Ruhe und Stabilität gewährleistet. Die sinkenden Mitgliederzahlen in der Kirche und die demografischen Veränderungen im Ruhrgebiet jedoch zwingen uns zu einem Umdenken. Auf unsere Propsteipfarrei und auch auf die übrigen Pfarreien des Bistums Essen kommen Veränderungen zu, die noch größer sein werden als 2007. Orientiert am Zukunftsbild unseres Bistums wird nun der Pfarrei-Entwicklungsprozess eingeläutet.

Das Zusammenwachsen der Gemeinden in der Gesamtpfarrei ist sicherlich nicht allen Mitgliedern leicht gefallen. Dennoch wurde ein guter Weg beschritten. Doch kaum, dass dieser Prozess vorangeschritten ist, wird die Pfarrei mit diesem neuen Prozess konfrontiert. Das Bistum Essen hat einen über zwei Jahre angelegten Pfarreientwicklungsprozess angestoßen, der in allen Pfarreien des Bistums umzusetzen ist. Der Prozess soll im Jahr 2017 enden und hat den Sinn, dass wir alle uns gemeinsam überlegen, wie Kirche in Zukunft vor Ort aussieht.

Was macht unser kirchliches Leben und unser Gemeindeleben vor Ort aus?

Was ist unter den Gegebenheiten des Schwundes an Gläubigen wie auch des Schwundes an Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche unerlässlich?

Worauf können wir nicht verzichten?

Auf welche Dinge müssen wir uns konzentrieren? Worauf müssen wir gar verzichten, weil es nicht mehr tragbar und finanzierbar ist?


Der Pfarrei-Entwicklungsprozess umfasst drei Phasen.

SEHEN

Was ist unsere Situation vor Ort? Wie findet das Gemeindeleben statt? Was erachten wir in unserem Gemeindeleben als unerlässlich?

URTEILEN

Wenn wir die Bestandsaufnahme gemacht haben, müssen wir die Dinge bewerten. Gibt es Dinge, auf die wir verzichten müssen?

HANDELN

Die Gremien der Pfarreien sind aufgerufen, dem Bischof bis spätestens 2017 ein Votum vorzulegen, wie die Zukunft der Pfarrei unter den Gegebenheiten aussehen soll. Unter Berücksichtigung des Votums wird der Bischof seine Entscheidung treffen, an welcher Stelle Neues gefördert wird, an welcher Stelle Gebäude vorgehalten werden, aber auch an welcher Stelle Verzicht geleistet werden muss.

Wir alle sind gemeinsam aufgerufen, an diesem Prozess aktiv mitzuwirken.


Richten wir den Blick nach vorn. Welche Dinge sind in der Pfarrei wichtig, aber welche Themen werden auch in Zukunft wichtig sein für ein lebendiges und geisterfüll-?tes Leben in einer sich verändernden Welt?

Die Gesellschaft wird perspektivisch?deutlich älter, wohingegen die Zahl der?– insbesondere der christlichen – Kinder?drastisch rückläufig ist. Hinzu kommt die?Erkenntnis, dass in zunehmendem Maße?Menschen aus anderen Ländern zu uns?kommen, die sich gern auch in mutter-?sprachlichen Gemeinden engagieren. Wa-?rum können wir diese Gemeinden nicht?integrieren? Wir müssen uns – auch mit?Hinblick auf die aktuelle Flüchtingssituation –?darauf einrichten, mehr denn je ein international bevölkertes Land zu sein.

Die Zahl der Katholiken in unserem Land sinkt gleichzeitig dramatisch. Sind bei der Altersgruppe „65 Jahre und älter“ noch rund 80 Prozent der Menschen in unserer Pfarrei christlichen Glaubens, so sinkt diese Zahl gestaffelt nach Jahrgängen signifikant. Bei der Altersgruppe „0 – 5 Jahre“ beträgt der Anteil an Christen nur noch etwa 23 Prozent. Unsere Pfarrei hat in den vergangenen fünf Jahren rund 13,1 Prozent an Katholiken verloren.

DER PFARREI-ENTWICKLUNGSPROZESS KANN SICH AN NACHFOLGEND BEZEICHNETEN THESEN ORIENTIEREN.

DIE ZEIT DER VOLKSKIRCHEN IST VERGANGENHEIT

Die katholische Kirche wird in Zukunft eine von vielen Glaubensgemeinschaften sein in einer säkularisierten Welt, einer Welt, die nicht vom Glauben geprägt ist.

WAS ERWARTEN DIE MENSCHEN VON DER KIRCHE?

Die Sinusstudie legt dar, dass einige Christen sich auf das Alte besinnen möchten, um die Kirche vor dem Untergang zu bewahren. Andere hingegen möchten sich der Welt öffnen und anpassen.

VIER ASPEKTE VERBINDEN DIE GLÄUBIGEN:

  • Spirituelle Orientierung, Sicherheit und Sinn
  • Seelsorgerische Begleitung in schwierigen Lebenslagen sowie kirchliche Handlungen zu Ereignissen besonderer Bedeutung (beispielsweise Hochzeit, Taufe)
  • Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, Fröhlichkeit und Lebendigkeit
  • Aussicht auf ein wohlgeordnetes und tröstliches Ende in Verbindung mit einer kirchlichen Bestattung

DIE KATHOLISCHE KIRCHE MUSS SICH NEU AUF DIE WANDELNDEN GESELLSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNGEN EINSTELLEN

Hierzu gehört nach außen hin eine Schärfung des vielfältigen sozialen wie auch caritativen Profils. Nach innen bedeutet dies, Antworten auf die Suche nach Sinn und Gemeinschaft zu geben sowie auf den Wunsch nach Begleitung in schwierigen Lebenssituationen.

Singlehaushalte machen in der heutigen Zeit rund 40 Prozent aller Haushalte aus. Dies betrifft nicht nur junge Leute, sondern auch alte Menschen, die ihren Lebenspartner verloren haben und alleine leben. Mehrpersonenhaushalte mit Kindern hingegen erreichen nur noch rund 29 Prozent. Unter Berücksichtigung der Bevölkerungsentwicklung wird sich letztere Zahl in Zukunft noch weiter reduzieren.

EIN DAUERHAFTES ZUSAMMENLEBEN IN EINER FESTEN UMGEBUNG WIRD SELTENER

Lebensort und Arbeitsort entfernen sich im Zuge fortschreitender Mobilität immer weiter voneinander. Menschen verbringen viele Stunden auf der Autobahn, in Bus und Bahn oder gar im Stau. Diese Mobilität kostet enorm viel Zeit, die für die Erhaltung von Bezügen im Nahbereich verloren geht. Auf der anderen Seite ermöglicht die Mobilität jedem Einzelnen eine größere Auswahl an Beziehungsmöglichkeiten. War vor einigen Jahrzehnten das Pfarrheim für junge Menschen eine zentrale Anlaufstelle für die Freizeitgestaltung, verliert die Kirche in der heutigen Zeit nicht zuletzt aufgrund der vielen Auswahlmöglichkeiten ein ganz zentrales Element im Blick nach außen. Die Gegenwart ist geprägt von Beziehungen auf Zeit – im Privatleben, im Beruf sowie in der Freizeit.

TECHNIK ERSETZT MENSCHLICHE BEGEGNUNG

Kommunikation ist in der heutigen Zeit unabhängig von Zeit und Raum. Das zwischenmenschliche Gespräch wird mehr und mehr ersetzt durch Kontakte mittels technischer Geräte. Die neuen Kommunikationsformen wie facebook ermöglichen einen rasanten Informationsfluss. Der persönliche Kontakt bleibt hierbei oftmals auf der Strecke. Menschliche Begegnungen werden auch im Supermarkt, bei der Bank oder am Bahnhof durch Selbstbedienungsautomaten reduziert.

FINANZIELLE PERSPEKTIVEN FÜHREN ZUM PFARREI-ENTWICKLUNGSPROZESS

Das Bistum Essen?hat unserer Pfarrei?einschneidende?Einsparmaßnah-?men auferlegt. Bis?zum Jahr 2020 soll?eine Kostenreduktion von 25 Prozent, bis zum Jahr 2030 von 40 Prozent gegenüber dem Jahr 2015 umgesetzt werden. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt hierbei der Bauund Unterhaltungsaufwand für Kirchen und Gebäude.

Die jährliche Belastung für eine große historische Kirche liegt bei rund 51.000 Euro pro Jahr. Mit einer Kirche pro zwei Quadratkilometer stellt unsere Pfarrei die höchste Kirchendichte im gesamten Bistum Essen.

Propst Manfred Paas wird in den folgenden Ausgaben des Augustinus-Magazins Lebensbahnen dreimal pro Jahr den aktuellen Sachstand des Pfarrei-Entwicklungsprozesses dokumentieren.

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