„Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.“

Gemeinde St. Augustinus

Zur Verabschiedung von St. Augustinus Gelsenkirchen am 30. April 2021

 

„Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.“ Das Gedicht von Hilde Domin kommt mir in diesen Tagen wieder in den Sinn.

Mein Weggang von Gelsenkirchen ist nicht einfach – er erinnert mich daran, dass wieder drei Jahre vergangen sind, drei Jahre des Lebens. Ich denke dabei an die großen und kleinen Begegnungen in den zurückliegenden Jahren, bei Gesprächen, Feiern, Sitzungen oder einfach nur spontan auf der Straße - und es wird mir ein bisschen weh ums Herz – Ihnen und euch vielleicht auch?

In jeder Lebensphase gibt es Abschied. Der Spielkamerad eines Kindes zieht in eine andere Stadt. Eine Liebe zerbricht. Ein Arbeitgeber erwartet von seinem Mitarbeiter, dass dieser in eine andere Filiale wechselt. Eine Krankheit wird diagnostiziert, die ein Leben verändern, vielleicht verkürzen wird, ein geliebter Mensch stirbt ... Große und kleine Abschiede.

„Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.“ Hilde Domin sieht die Blätter. Sie schreibt aber nicht über die Blätter. Sie sieht unter den sterbenden Blättern etwas anderes: die Knospe, die die Blüte für das nächste Jahr über den Winter bewahrt – unter, hinter dem Sterben das neue Leben.

So ist das nämlich: wenn etwas zu Ende geht, beginnt etwas Neues. Das Alte nehme ich mit, in mir. Das ist wie mit den Bäumen: Ring um Ring legt sich aneinander, nichts geht verloren. Das klingt sehr glatt - ich weiß. Und ich weiß auch, dass es das nicht ist, dass dazu Schmerz und Trauer gehören.

Bei den Vorbereitungen meines Umzuges nach Tokyo fand ich erneut eine Karte in meiner Wohnung, auf der stand: „Wir können nichts über das Leben wissen. Außer: es geht weiter.“ Da ist was dran.

Wirklich wissen können wir nur wenig. Aber wir sehen in der Natur und erleben in unserem Alltag, dass es weitergeht - immer, irgendwie, oft zum Guten.

Für Christen steht hinter dieser Wahrheit Gott. Gott ist der, der das Leben trägt und hält. Er ist es, der uns nicht allein lässt, wenn das Abschiednehmen weh tut, wenn die großen und kleinen Tode uns sprachlos machen. Er ist es, der dabei bleibt, wenn es allen anderen zum Davonlaufen ist. Und er ist es, der neue Wege weist. Das ist nichts, was wir beweisen können.

Aber wir können darauf vertrauen, nicht nur, weil die Natur es uns vor Augen hält: „Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.“
Danke für Alles und „Auf ein Wiedersehen“.

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